Didaktik Übersetzerausbildung

Die Übersetzerausbildung ist im Wandel begriffen. Lehrkräfte im schulischen Fremdsprachenunterricht erhalten heute eine wissenschaftliche Unterstützung von Fachdidaktikern, werden im Rahmen eines staatlichen Referendardiensts systematisch mit methodisch-didaktischen Fragestellungen im kommunikativen Fremdsprachenunterricht konfrontiert und über immer wieder neue Generationen von professionell gestalteten Schulbüchern und Lehrerhandbüchern an Methodenvielfalt gewöhnt.

Die Übersetzungsdidaktik – also die Lehre vom inhaltlichen WAS und insbesondere vom methodischen WIE einer guten Übersetzerausbildung - hat sich hingegen bei uns noch nicht in vergleichbarem Umfang entwickelt. Zwar stehen in diesem Feld seit ca. dem Jahr 2000 ein funktionalistischer Ansatz (Nord), theoretische (PACTE) und empirische Zugriffe (Kelly), ein sozialkonstruktivistischer Ansatz (Kiraly), ein prozessorientierter (Hansen) oder aufgabenbezogene Ansätze (Hurtado Albir) in der Übersetzungsdidaktik nebeneinander. Allerdings hat das wissenschaftliche Interesse an didaktisch-methodischen Fragestellungen nach dieser "Publikationswelle" wieder erheblich nachgelassen. Was derzeit immer noch Not tut, ist der autonom gewordenen Translationswissenschaft eine gleichwertige, praxisnahe Übersetzungsdidaktik an die Seite zu stellen und allen interessierten Übersetzerdozenten in der Ausbildung ein breites methodisches Handwerkszeug für ihren Unterricht an die Hand zu geben. 

Aspekte des Übersetzungsprozesses

Wie sollte man heute angehende Übersetzer ausbilden? Nicht allein die perfekte Übersetzung als Endprodukt steht heute im Mittelpunkt der Übersetzungsdidaktik (Prüfungsorientierung), sondern auch und gerade die Bewusstmachung von Problemen und die Bewertung alternativer Lösungen in den einzelnen Phasen des zergliederten Übersetzungsprozesses. Dabei soll nicht mehr nur Wissen, sondern auch Erfahrung mit Übersetzungspraxis angebahnt werden. 

Moderne Übersetzungsdidaktik ist heute das gemeinsame Nachdenken über den Übersetzungsprozess an sich und dessen gezielte unterrichtliche Gestaltung aus Lernersicht. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien einige wichtige Aspekte moderner Übersetzungsdidaktik genannt:

  • Didaktisierung des Übersetzungsauftrags (wie ändert sich die Übersetzung bei Vorgabe variierender Zielgruppen?)
  • Didaktisierung der Erstlektüre und des „verstehenden Lesens“ (Lesemodelle, W-Fragen)
  • Didaktisierung der kulturellen Textaspekte (Mitgedachtes und Mitgemeintes, kulturelles Hintergrundwissen von Autor und Übersetzer)
  • Didaktisierung der sprachlichen Textanalyse (Kollokationen, Terminologiekonsistenz, Modulation, Transposition, Adaptation, Amplifikation usw; Illusion der eindeutigen Entsprechung)
  • Didaktisierung der wissenschaftlichen Recherche im Übersetzungsprozeß und der Organisation von neuem Wissen (Ermittlung und Nutzung von Paralleltexten)
  • Didaktisierung der Teamarbeit in einem Übersetzungsprojekt (Projektmanagement von der Auftragsannahme bis zur Rechnungsstellung)
  • Didaktisierung der kollektiven Fehlerbewertung (Training der Selbstevaluation durch die angehenden Übersetzer)
  • Didaktisierung der Möglichkeiten und Grenzen des „kreativen Übersetzens“ und der „wörtlichen Übersetzung“
  • Didaktisierung der schriftlichen/mündlichen Textproduktion im Deutschen (Schreiben, Umtexten, Zusammenfassen, Bearbeiten von Textsegmenten, Analyse von Textdefekten, Argumentationsführung)
  • Didaktisierung einer computergestützten Terminologiearbeit (Übersetzen mit professioneller Software und persönlichen Datenbanken) - Didaktisierung des Fachsprachenunterrichts (Fachdidaktiken Naturwissenschaften / Technik / Recht etc als Ausgangspunkt; Einbeziehung der Erwachsenenpädagogik)
  • Didaktisierung der Revision und der Übersetzungskritik des Endtextes (kommt die intendierte Botschaft des Ausgangstexts auch beim Leser der Zielsprache an? customizing; Kohärenz)

Anforderungen an den Übersetzungsdozenten

Das systematische Arrangement von sprachlichen und methodischen Erkenntnissen zum Übersetzungsprozeß für den angehenden Übersetzer sollte also im Mittelpunkt des modernen Übersetzungsunterrichts stehen. Übersetzungstexte sind so zu wählen, dass sie neben dem sprachlich-translatorischem Training auch einen Teilaspekt des Übersetzungsprozesses verdeutlichen. Diese bewußte Unterrichtsplanung zum Übersetzungsunterricht muss vom angehenden Übersetzer (Lerner-Perspektive) aus gedacht werden und nicht von der üblichen wissenschaftlichen Sachanalyse. Der angehende Übersetzer wird dann als „Problemlöser“ gesehen, der für den Lernprozeß mitverantwortlich gemacht und für den „entdeckendes Lernen“ in Lernteams arrangiert wird. Dies fördert frühzeitig eine emotionale, soziale und kreative Übersetzungskompetenz und eigene Erfahrung mit dem Übersetzungsprozess.

Grundfragen der modernen Übersetzungsdidaktik

  • Was passiert im Kopf des angehenden Übersetzers in jeder einzelnen Phase, und wie kann ich dies als Dozent im eigenen Übersetzungsunterricht beeinflussen?
  • Wie kann jede einzelne Phase des Übersetzungsunterrichts aus der Sicht des angehenden Übersetzers lerner-aktivierend, problemorientiert, erfahrungsbetont und nah an der Berufspraxis geplant werden?
  • Was soll der angehende Übersetzer an einem konkreten Text schwerpunktmäßig erkennen oder einüben, und wie kann der Dozent dies beim Lerner durch eine lernzielorientierte Unterrichtsplanung systematisch anbahnen?
  • Wie lassen sich demotivierende Faktoren im Übersetzungsunterricht (ständiges Fehlerfeedback, Überdruss am bekannten Text, abstrakte Theoriesystematik, geringe Methodenbreite) in belebende Elemente des Übersetzungsunterrichts überführen und Spaß beim Übersetzen vermitteln?
  • Wie können die vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten für die angehenden Übersetzer als Lernfortschritte bewusst gemacht und systematisiert werden? (interner progressiver Lehrplan)

Unterrichtsplanung für den Übersetzungsunterricht

Unterrichtsplanung als ein wesentlicher Teil der modernen Übersetzungsdidaktik ist für den Dozenten ein eminent kreativer Vorgang, der hohe Anforderungen an ihn stellt. Er setzt einerseits neben einer hohen Sprachkompetenz sowohl das theoretische Wissen der Translationswissenschaft voraus als auch das theoretische Wissen der Fremdsprachendidaktik (Kautz 2002, 138).
Auf der anderen Seite gelten die üblichen Maßstäbe an guten Unterricht auch im Bereich des Übersetzungsunterrichts: durchdachte Strukturierung des Unterrichts und klare Lernziele, hoher Anteil an echter Lernzeit mit intelligentem Üben in individuellem Rhythmus, Methodenvielfalt sowie transparente Leistungserwartungen (in Anlehnung an Meyer 2007).

Literaturhinweise

B.J. Baer/G.S.Koby, 2003, Beyond the Ivory Tower. Rethinking translation pedagogy, Amsterdam/Philadelphia (ebook)
S. Colina, 2003, Translation Teaching: From Research to the Classroom. A Handbook for Teachers, Boston
J. Delisle, 2005, L'enseignement pratique de la traduction, Beyrouth/Ottawa
E. Fleischmann (Hrsg u.a.), 1997, Translationsdidaktik - Grundfragen der Übersetzungswissenschaft
D. Gile, 22009, Basic concepts and models for interpreter and translator training
C. Gnutzmann, 1988, Fachbezogener Fremdsprachenunterricht, Tübingen
G. Hansen, 2006, Erfolgreich Übersetzen. Entdecken und Beheben von Störquellen, Tübingen
A. Hurtado Albir, (Hrsg.), 2001, Enseñar a traducir. Metodología en la formación de traductores e intérpretes, Madrid
U. Kautz, 22002 (12000), Handbuch Didaktik des Übersetzens und Dolmetschens
D. Kelly, 2005, A Handbook for Translator Trainers
D. Kiraly, 2000, A social constructivist approach to translator education, Manchester
K. Königs, 2005, Das übersetzungsdidaktische Potential der kontrastiven Grammatik, in: Lebende Sprachen, 50 (H. 1), 6-9
P. Kussmaul, 1995, Training the Translator, Amsterdam/Philadelphia 
C. Lehr, 2009, Die Stellung und Weiterentwicklung der Übersetzungsdidaktik im multilingualen Europa, Genf, in: IEUG (Hrsg), Langues européennes en dialogue, Genf, S. 23-31 
H. Meyer, 2007, Leitfaden Unterrichtsvorbereitung, Berlin 
C. Nord, 2010, Funktionsgerechtigkeit und Loyalität: Theorie, Methode und Didaktik des funktionalen Übersetzens, Berlin
PACTE, 2001, La competencia traductora y su adquisición, in: Quaderns 6, S. 39-45
S. Reinart, 2014, Lost in Translation (Criticism)? Auf dem Weg zu einer konstruktiven Übersetzungskritik, Berlin
D. Siepmann, 1997, Übersetzungsunterricht zwischen Wunschvorstellung und Wirklichkeit: Theoretische Überlegungen, empirische Befunde und Anregungen für die Praxis, in: Femdsprachen und Hochschule 51/1997
R. Stolze, 2009, Fachübersetzen - ein Lehrbuch für Theorie und Praxis, Berlin

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