Didaktik Dolmetscherausbildung

Dolmetscher zu sein ist ein Traumberuf - der Weg dorthin führt jedoch über die Ausbildung zum Übersetzer. Warum? Weil man erst mit Ruhe und Sicherheit das geschriebene Wort (Grammatik, Lexik, Fachwissen) perfekt beherrschen muss, bevor es ans Mündliche gehen kann. Denn im Mündlichen ist keine Korrektur mehr möglich: Gesagt ist gesagt - daher haben Dolmetsch-Fehler im EU-Parlament auch immer gleich Konsequenzen... Entweder Sie wissen auf einem medizinischen Kongress, was "community-based rehabilitation" ist - oder Sie wissen sich spontan zu helfen! Der Übersetzer hingegen kann in Ruhe an der perfekten sprachlichen Variante feilen, sich im 4-Augen-Prinzip vor einer Veröffentlichung sprachlich überprüfen lassen und seine Zeit zum Übersetzen gemäß den eigenen Bedürfnissen einteilen - nicht so der Dolmetscher. 

Diese Unterschiede bedeuten aber in aller Konsequenz für die Dolmetschdidaktik, dass im Verlaufe der Ausbildung auch eine schrittweise Abgrenzung zum Übersetzen vollzogen werden muss. Dass jedoch Mündliches (etwa als Redebeitrag auf einem Kongress) oftmals nichts anderes ist als "Vermündlichung von Schriftlichem", macht die Grenzziehung so schwierig, denn hier muss ein sehr dichter schreibsprachlicher Ausgangstext spontan in einen lockeren sprechsprachlichen Hörtext umgewandelt werde

Unterricht im Dolmetschen

Dolmetschdozenten sind bei ihrer Unterrichtsplanung heute noch weitgehend auf sich selbst gestellt und müssen über Versuch und Irrtum herausfinden, welche Übungen für welche Unterrichtsziele am besten geeignet sind. Eine objektive Erfolgskontrolle gibt es selten, und der Erfolg der eigenen didaktischen Entscheidungen kann meist nur am späteren Leistungsstand der Studierenden festgemacht werden (Kalina, 274). Von daher ist die berufliche Praxiserfahrung der Dolmetschdozenten immer noch von zentraler Bedeutung in der Dolmetschdidaktik.

Moderne Dolmetschdidaktik stellt - wie die moderne Übersetzungsdidaktik - immer stärker den Dolmetschprozess (und nicht mehr nur das Ergebnis des Dolmetschens) in den Vordergrund. Dazu zählen:

  • Einarbeiten in ein neues Themengebiet VOR dem Einsatz (Recherchieren unter hohem Zeitdruck)
  • rezeptive Phase des Hörverstehens (Einüben von kursorischem oder selektivem Hören und ganzheitlichem Verstehen des Sinns des Gesagten über scenes und frames)
  • Speichern des Sinns des Verstandenen (Notiztechnik, Gedächtnistraining)
  • sinngebende Neuvertextung in der Zielsprache (blitzschnelles Assoziieren und souveränes Formulieren durch Paraphrase, Generalisierung und Komprimierung; spontane Bewertung von Relevanz und Redundanz des Gehörten)
  • Sprechen (wohlklingendes, deutliches Sprechen vor Publikum durch Stimm- und Atemtraining)
  • Bewertung von Dolmetschleistungen (selbstbewußtes Auftreten, selbst gesteuerter Erwerb von Dolmetschstrategien, Vollständigkeit und Sinnnähe der Übertragung, sprachliche Qualität, Technik der Selbstevaluation)

Die behandelten Texte müssen je nach Lernniveau oftmals vom Dolmetschdozenten didaktisiert werden - etwa von authentischen Berichttexten zu Dialogtexten. Die Techniken des Dolmetschens werden auf der Grundlage sicherer Sprachkenntnisse schrittweise und mit wachsendem Schwierigkeitsgrad - häufig in geteilten Gruppen von 10-12 Studierenden oder in Kleingruppenarbeit - angeboten. Der Unterricht wird von ausgebildeten, in der Praxis stehenden Dolmetschern erteilt. Immer wichtiger werden in der didaktischen Diskussion zudem Selbstevaluationstechniken sowie elektronische Selbstlernmaterialien, um ein hohes Maß an eigenständigem Lernen zu fördern. 

Literaturhinweise

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