"Die Digitalisierung wird sich zukünftig in erheblichem Maße auf den Büroalltag auswirken"

Wir haben mit dem Leiter der WDS, Dr. Jürgen Gude, über die Ausbildung, die beruflichen Perspektiven und die digitalen Herausforderungen der Fremdsprachenberufe gesprochen.

Schüler*innen der Würzburger Dolmetscherschule (WDS) lernen in der Ausbildung zum*r Fremdsprachenkorrespondent*in mehrere Sprachen, kombiniert mit wirtschaftlichem, kaufmännischem und digitalem Fachwissen in nur zwei Jahren. Wir haben mit dem Leiter der WDS, Dr. Jürgen Gude, über die Ausbildung, die beruflichen Perspektiven und die digitalen Herausforderungen gesprochen.

Was macht eine Ausbildung zu einem*einer Fremdsprachenkorrespondent*in in Ihren Augen so besonders?

Dr. Gude: Zunächst einmal haben ausgebildete Fremdsprachenkorrespondent*innen die großartige Möglichkeit, überall auf der Welt in vielen verschiedenen Branchen zu arbeiten. Die Ausbildung ist sowohl für Abiturienten, als auch für Realschüler von hoher Attraktivität, weil sie neben der Sprachkompetenz in mindestens zwei Sprachen auch interkulturelle und wirtschaftliche Aspekte beinhaltet. Zudem legen wir im Rahmen der Ausbildung großen Wert auf den Aufbau digitaler Kompetenzen.

Es ist zunehmend interessant zu beobachten, dass sich bei Schüler*innen mit Mittlerer Reife eine neue, bikulturelle Zielgruppe für die Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondent*in herauskristallisiert. Damit meine ich junge Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind oder zumindest zwei Kulturen beherrschen. Hier ist das Interesse an Fremdsprachen und Kulturen bereits Normalität. Die große Stärke dieser Zielgruppe ist die interkulturelle Kompetenz, weil sie sich ganz selbstverständlich zwischen zwei Sprachen verständigen können. Gerade für diese Zielgruppe müsste dann verstärkt Deutschunterricht angeboten werden. Auch Wahlkurse in den Zweitmuttersprachen wie beispielswiese Türkisch oder Russisch wären ein überzeugendes Argument für diese Zielgruppe.

Welche beruflichen Perspektiven bietet diese Ausbildung?

Dr. Gude:
 Die beruflichen Perspektiven sind tatsächlich äußerst vielfältig und spannend. Fremdsprachenberufe sind per se branchenunabhängig. Unsere Absolvent*innen arbeiten in internationalen Unternehmen, Behörden und Verbänden, Wirtschaftskanzleien, im Tourismus oder in den Medien.

Abiturienten und Abiturientinnen haben bei uns die Möglichkeit, direkt in das 2. Ausbildungsjahr eingestuft zu werden und so innerhalb von nur einem Schuljahr einen vollwertigen, staatlichen Berufsabschluss zu erwerben, der bundesweit anerkannt ist und bei vielen Unternehmen hohes Ansehen genießt. Sollte sich die Absolventin oder der Absolvent im Anschluss für ein Hochschulstudium entscheiden, wird die Ausbildungszeit als Wartezeit an der Uni angerechnet.

Auch für Sprachtalente mit mittlerer Reife stehen die Chancen für den Berufseinstieg nach der zweijährigen Ausbildung sehr gut. Äußerst attraktiv für die weitere Perspektive sind die Möglichkeiten der Aufbauausbildungen zum*r Übersetzer*in und Dolmetscher*in oder zum*r Europasekretär*in ESA. Zudem können die Absolvent*innen auch mit mittlerer Reife ihre Chance auf ein universitäres Diplom wahren und durch die Aufbauausbildungen an Hochschulen einen akademischen Bachelorabschluss ablegen.

Finden Sie diese Ausbildung kann durch die zunehmende Digitalisierung und die zunehmenden kostenlosen Online-Übersetzungsdienste auch in Zukunft bestehen?

Dr. Gude: Die Ausbildung wird stetig den neuen digitalen Herausforderungen angepasst. An der WDS gehen wir bereits über den staatlichen Lehrplan hinaus und kombinieren den IT-Unterricht mit verpflichtenden Prüfungen zum Europäischen Computerführerschein. Mitarbeiter*innen in digitalen Unternehmen haben dann gute Berufsaussichten, wenn sie nicht nur administrative Routineaufgaben übernehmen, sondern auch bestehende Softwareprogramme praxisnah im Dialog mit IT-Spezialisten weiterentwickeln können. Dazu braucht es Kreativität und problemlösendes Denken, was wir an vielen Stellen im Unterricht trainieren.

Die Digitalisierung wird sich zukünftig in erheblichem Maße auf den Büroalltag auswirken, das gilt nicht nur für diesen Berufszweig. Die von Ihnen angesprochenen digitalen Übersetzungstools dienen Fremdsprachenkorrespondent*innen eher als Unterstützung und sind kein genereller Ersatz für ihre berufliche Tätigkeit. Die Aufgaben sind äußerst vielschichtig und gehen weit über das reine Übersetzen von Texten hinaus. Gerade die Besonderheit der Ausbildung, Fremdsprachenkenntnisse mit fundiertem wirtschaftlichem Know-how zu verbinden, machen unsere Absolventinnen und Absolventen für internationale Unternehmen attraktiv.

Gibt es etwas, was Sie an dieser Ausbildung verbessern oder verändern würden?

Dr. Gude: Wir an der WDS setzen jetzt schon entscheidende Impulse für eine moderne Ausbildung. Ganz wichtig erscheint mir, das vielzitierte „4 K-Modell des Lernens“ im Unterricht umzusetzen: Kommunikation, Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration sind genauso wichtig wie die vermittelte sprachliche Kompetenz. In Verbindung mit den neuen digitalen Lerntechniken lässt sich hier viel bewegen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Gude.