EZB Frankfurt - ein Essay. Literarische Momentaufnahmen von Arne Schröder (FA 3) während einer Exkursion nach Frankfurt

03.02.2012

Frankfurt ist eine Baustelle. Zwischen den Büros der Wolkenkratzer steht eine Armee von Kränen. Höhe Roßmarkt und Goetheplatz knabbert sich ein Bagger durch die vier Stockwerke eines alten Restaurants, wie ein letzter Gast, der nichts zurückgehen lässt und diesmal auch die Dekoration wegputzt. Mit jedem Biss bricht ein weiteres Stückchen Wand ein und Staub rieselt auf den Bürgersteig darunter. Ein paar Meter entfernt klafft ein riesiges Loch im Boden. Es ist eines wie es derzeit viele in Frankfurt gibt. Dort wird bald das Fundament für ein neues Hochhaus hineingegossen. Dumpfes Hämmern dröhnt aus der Grube. Ein Bagger mit einem Pressluftmeissel zertrümmert gerade eine Betonplatte, die die Arbeiter freigelegt haben. Jedesmal wenn der Fahrer den Meissel neu ansetzt und das Meisseln beginnt, presst er die Zähne aufeinander, als wäre der Bagger bloß dazu da, die Muskelkraft des Arbeiters zu bündeln und nicht zu ersetzen. 

Aber es geht auch mit weniger Aufwand. Innerhalb der Frankfurter Stadtgrenzen ist quasi über Nacht ein ganzes Dorf entstanden. Aus Zelten, Karabinern und Seilen, hastig zusammen-gezimmerten Verschlägen und Ständen. Das sieht zwar alles nicht so ganz stabil aus. Aber bei circa einem bis zwei Metern Material, das im Falle eines Einsturzes gen Erdboden saust, muss man sich um die Statik noch keine großen Sorgen machen. Dafür ist es bunt. Zwischen den vielfarbigen Zelten hängen Plakate und fordern einen Systemwechsel, darüber wehen staatenlose Flaggen in schönen Mustern. Außerdem befindet sich das Dorf in bester Lage, Frankfurter Wallanlagen, zwischen dem Schauspiel Frankfurt und dem Eurotower, Sitz der Europäischen Zentralbank. Besser geht’s kaum.

Wahrscheinlich ist die EZB nicht allzu glücklich über ihre neuen Nachbarn. Aber man scheint sich soweit arrangiert zu haben. Ein Wachmann schlendert sorglos auf dem Weg zwischen den Zelten entlang. Es ist ja noch niemand wach. Das ganze Dorf liegt still da. Also keine Gefahr von ideologischen Auseinandersetzungen. Dafür ist der Morgen eh noch zu kalt. Und außerdem baut die EZB derzeit eine neue Zentrale, drüben auf dem Gelände der alten Großmarkthalle. Wieder ein Wolkenkratzer für die Stadtsilhouette. Und weit weg von nervigen Nachbarschaftsfehden. 

Die Sicherheitskontrolle ist gründlich. Am Flughafen haben sie einem schon mehr durchgehen lassen. Ein mit Muskeln vollgestopfter Anzug mit Knopf im Ohr reicht uns weiter an den nächsten ebenso ausgepolsterten Anzug, der uns schließlich portionsweise mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock fährt. Nur der zweite Stock? Wieso nicht bis ganz oben? Hoch zu Draghi! Aber die Dame, die uns in Empfang nimmt, hat schon alles gescheduled und führt uns zu einem Pressesaal. Am Eingang stehen Tee, Kaffee und Plätzchen, garniert mit Infobroschüren, Post-its in Form des Eurozeichens und Kugelschreibern. Man nimmt sich, was man braucht.

Der Saal ist weitläufig, hinten die spiegelnden Scheiben der Dolmetschkabinen, dann etliche Stuhlreihen, auf denen wir Platz nehmen, vorne ein Rednerpult und eine lange Reihe von Plätzen mit Mikrofonen. Dort sitzen dann die Wichtigen, im Hintergrund dasselbe gedeckte Blau, wie man es von Pressekonferenzen im Weißen Haus kennt. Ultramarinblau. Majestätisch.

Doch die zwei Frauen, die uns gegenüber sitzen, haben so gar nichts Pompöses an sich. Freundlich sehen sie aus. Als die erste von ihnen spricht, zittert ihre Stimme etwas. Sie hoffe, man könne sie verstehen, ihre Stimme sei derzeit sehr schwach, aber sie würde sich alle Mühe geben, ihre Präsentation zu halten. Es handelt sich um die Leiterin der Übersetzungsabteilung Englisch-Deutsch und sie erzählt uns einiges über den Beruf eines Übersetzers bei der EZB. Klingt alles ganz interessant. Klingt allerdings auch wie ein reiner Bürojob. Wenn wahrscheinlich auch ganz gut bezahlt. Aber das traut sich keiner zu fragen, und selbst wenn, bekäme man wohl eher eine ausweichende Antwort. Oder nicht? Über Geld spricht man nicht. Gilt dieser Spruch auch in einer Bank? Wäre doch merkwürdig.

Was ist denn eigentlich mit den Dolmetschkabinen hinter uns? 

„Die Kabinen sind kaum in Benutzung“, antwortet die Übersetzerin. „Der Bedarf ist nicht sehr groß, denn meistens wird sowieso Englisch gesprochen. Und Englischkenntnisse werden bei der EZB einfach vorausgesetzt.“ Außerdem sei die Dolmetschabteilung komplett ausgelagert. Schade. Also entweder Übersetzer bei der EZB oder ausgelagerter Dolmetscher.

Die zweite Präsentation hält die Leiterin der Terminology and Language Technology Unit. Sie sei Irin, aber wenn sie es nicht verraten hätte, man hätte es nicht gemerkt. Ihre Aussprache, in die sich nur ganz selten einmal ein merkwürdiger Singsang mischt, ist bis auf ein leichtes Lispeln perfekt. Das fordert einem Respekt ab. Außerdem kennt sie sich meisterhaft in CAT aus, verwaltet Termbanken, legt neue an, konvertiert und kümmert sich um technische Fehler. 

Nach einer kleinen Pause gibt es dann noch etwas Fachkunde vom Senior Press Officer. Das meiste davon hat man schon einmal im Unterricht gehört. Also versucht man hie und da das Gegenüber durch einige gezielte Fragen aus der Bahn zu werfen. „Ist es nicht so, dass...? Könnten Sie erklären, wieso...? Sollte man nicht vielleicht besser...?“ Aber alles gute Zureden hilft nichts. Sie wird wohl eine Kapitalistin bleiben.

Erneut nehmen sich die Staffelläufer in den gepolsterten Anzügen und dem Knopf im Ohr unsereiner an und reichen uns weiter, bis wir schließlich wieder auf der Straße stehen. Vorm Eingang ist immer noch derselbe Wachmann postiert wie bei unserer Ankunft, eine weiße Wolke vorm Mund.

Kurz vor drei Uhr kommt langsam Leben in das Dorf zu Füßen des Eurozeichens. Um einen Grill haben sich ein paar Frühaufsteher versammelt und starren in das wärmende Feuer. Vom Weg trennt sie ein Absperrband, daran baumelt ein Schildchen: „Drogenfreie Zone!“ Schnappsfläschchen liegen um sie herum verstreut im Gras. Ein paar Meter weiter entleert einer ihrer Mitstreiter gerade seinen Magen.

„Ey Chrissie! Dir geht’s gut, ja?“

„Jo, klar, doch!“, stammelt Chrissie hervor.

Auf einem Tisch liegen neben einer Schüssel mit angetrockneten Nudeln Infomaterialien ausgebreitet. Genauso wie bei der EZB. Es geht sogar thematisch grob in dieselbe Richtung. Da liegt was von Marx und was von Smith, Bücher über die Umgestaltung der Finanzmärkte und über die Globalisierung. Und eines über Bank- und Kapitalmarktrecht. Darauf hat jemand einen abgenagten Fisch drapiert.

Als wir in den Bus steigen, torkelt gerade Chrissie vorbei. Er hebt den Arm in Richtung seiner Freunde und spreizt Mittel- und Zeigefinger ab. Peace. Oder Victory.

„Ich muss nur ma schnell drei Burger beim Mäckes futtern, dann geht’s wieder gut!“

Der Klassenfeind ernährt seine Gegner. Egal. Drei Euro in den Rachen des internationalen Kapitalismus zu schleudern, um das eigene Wohl wieder herzustellen – das muss vertretbar sein. Jeder Protest braucht seine Pausen.

Arne Schröder, FA 3