Dezember 2011

Kleine Musikalische Formenlehre 1

Es ist noch gar nicht so lange her, da pflegte man zu unterscheiden zwischen U-Musik und E-Musik, zwischen “Unterhaltungsmusik” und “ernster Musik.” Das ist evidenter Unfug: Mit Mozart kann man sich prächtig unterhalten – nicht nur bei seinem Sextett “Ein musikalischer Spaß” (KV522); man denke nur an Leroy Andersons “The Typewriter” oder seine “Syncopated Clock” oder Eric Saties Gesamtwerk, und man wird hören, dass nicht nur das Salzburger Wolferl ein großer Spaßvogel war. Und wer sich andererseits bei Techno-Musik unterhalten will, muss sich schon mächtig anstrengen: da ist es außerordentlich laut.

Überhaupt die sogenannte Klassik: Da gibt's Sender wie etwa Klassik Radio, die offensichtlich der Meinung sind, wenn mehr als zwei Geigen dabei sind, isses Klassik, und die einem dann billige Filmmusik und so manch dürftiges Liedchen aus dem 25. Musical von Andrew Lloyd Webber kredenzen, dass man sich mit Grausen abwendet. Oft bekommt man den Eindruck, Klassik ist was für das gehobene Bildungsbürgertum – Harz-IV-Empfänger könnten sich die Preise um €200.- für die Bayreuther Festspiele ohnehin nicht leisten – und das einfache Volk will halt einfachere Kost. Aber das greift auch zu kurz. Andererseits geht es mir hier weniger um die Klassik, als um die – tja, nennen wir sie Unterhaltungsmusik? Populäre Musik, oder wie man auf Englisch sagt, pop music?

Da gibt es, sozusagen als platteste Unterhaltung, den deutschen Schlager, “womit man einlullt, wenn es greint,/ Das Volk, den großen Lümmel” (Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen): zuckersüßer Kitsch der schlimmsten Sorte. Obwohl es doch noch schlimmer geht. Es gibt ja auch noch den “volkstümlichen” deutschen Schlager. Das hat mit echter Volksmusik rein gar nichts zu tun – ist also der glatte Etikettenschwindel – und sehr viel mit Kommerz. Mit der heilen Welt läßt sich prächtig Geld verdienen: tümlich ist das mitnichten; eher dümmlich.

Hier drängt sich der Vergleich mit den extremeren kommerziellen Formen amerikanischer Country and Western Music (C&W) auf. Sie hat sich vielfach doch sehr weit von ihren Ursprüngen in der Hillbilly-, Bluegrass- und Old Time Music entfernt, allesamt ehrbare Urprünge mit viel handgemachtem Enthusiasmus und langer Tradition. C&W dagegen ist leider oft mehr billiges Kostümfest mit umgehängter Gitarre als echte Musik.

Es gab übrigens, lange ist's her (70er Jahre) in Deutschland eine Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das traditionalle Liedgut wiederzubeleben [1] und auf die demokratischen Wurzeln zurückzuführen  Die Rede ist von der Folk Music; anderswo ist sie noch sehr lebendig [2] (Irland!). In Deutschland hat sie sich teilweise der Alten Musik angeschlossen (auch da gibt es interessante Sachen, z. B. eine recht große Mittelalter-Rock-Szene), teilweise spielen die Folkies von damals zum Tanz auf, andere sind multikulti unterwegs, und wieder einmal singt keiner die alten Lieder.

A propos Lied: Das deutsche Kunstlied, Schubert etwa oder Mahler, gehört auch nicht hierher und sei nur kurz erwähnt, weil der terminus technicus im internationalen Gebrauch das deutsche Wort ist (also “the lied”, “le lied” etc.)

Auch nur kurz erwähnt, und das vor allem deswegen, weil mir persönlich das Genre so gar nicht liegt, seien die (amerikanischen) Crooner (von to croon, “schmachtend singen”) wie etwa Bing Crosby oder Frank Sinatra. Dann schon lieber das französische Chanson, mit dem es gewisse Ähnlichkeiten hat. Beim Chanson ist es äußerst wichtig, den Text zu verstehen, bei den Croonern hingegen...”Ich tat's auf meine Weise.” So so! Irgendwie geht das etwas weit in Richtung Easy Listening., nur dass hier quasi die Hintergrundmusik ganz ohne Gesang auskommt. Wird es noch entspannter, heißt es Ambient. Der Name wiederum kommt vom Titel eines Albums von Brian Eno aus dem Jahr 1978 (dank sei Wikipedia: ich hätt's nicht gewusst!): Ambient. Music for Airports. Wenngleich mich der Verdacht beschleicht, dass das Genialste an dem Album der Titel war: das Prinzip hat Schule gemacht. Atmosphärische Elektronik-Klänge, vermischt mit Naturgeräuschen: zu hören beim Akupunktur-Praktiker auch in Ihrer Nähe.So ähnlich wie Ambient geht übrigens auch Lounge, nur dass hier gerne Töne, die so klingen wie Lieschen Müller sich Gregorianik, Andenklänge oder Maorimusik vorstellt gaaanz entspant mit Gedudel unterlegt werden.

[1]     Tot sind unsre Lieder,

      unsre alten Lieder.

      Lehrer haben sie zerbissen,

      Kurzbehoste sie verklampft,

      braune Horden totgeschrien,       Stiefel in den Dreck gestampft

      (F.J. Degenhardt, “Die alten Lieder”)

[2]    Übrigens wird in den USA der Begriff Folk Singer – anders als in Europa – locker für so ziemlich alles und jeden gebraucht, der oder die mit akustischer Gitarre am Mikrophon steht...

Elektronik scheint auf manche Musiker einen großen Reiz auszuüben. Olivier Messiaen verwendet bei seiner großartigen komplexen Turangalîla-Sinfonie (1949) ein Instrument namens Ondes Martinot, einen frühen Vorläufer des Synthesizers, das sich dann doch nicht durchsetzte. In den späten Sechzigern erschien ein Album, das komplett auf dem sogenannten Moog-Synthesizer eingespielt war, Switched-on Bach, und uns schien es damals die Zukunft zu sein, verband es doch Klassik (J.S:Bach) und Moderne auf anregendste Weise. Das war aber dann doch nicht das letzte Wort, jedoch ist seit damals  die Elektronik aus der Popmusik nicht mehr wegzudenken. In den Siebzigern hatte eine deutsche Band international immensen Erfolg mit eher simplen Gesangsstücken, die mit repetitiven elektronischen Melodiefetzen unterlegt waren. Die Band hieß Kraftwerk, das Album Autobahn (“Wir fahren fahren fahren auf der Autobahn...”- auch beeindruckend geistreich!), bei den Konzerten standen vier Herren, die wie Roboter guckten, an vier Keyboards,  und das Ganze war ein Hammer (so sagte man damals). Die Platte gilt als Ahne einer ganzen Reihe von Stilrichtungen, von Elektropop (etwa Dépêche Mode) über House, Acid bis hin zu Techno. Letzteres klingt für Außenstehende wie unsereinen wie rhythmusbetonter Lärm, aber das soll wohl auch so sein: eine Musik, mit der man sich zudröhnen und zu der man abhotten kann, mehr nicht. Botschaften sollen wohl nicht vermittelt werden; Techno ist selbst die Botschaft, etwa “lebe den Augenblick”. Wie sich das nach dem Unglück in Duisburg (Loveparade 2010) noch unkompliziert vermitteln läßt, vermag ich nicht zu sagen.

P.S. Ein zweiter Teil der populärmusikalischen Typenlehre, der sich vor allem mit RockBluesSoulJazzHeavyMetalFunk beschäftigt, soll folgen...

SENKRECHT &CO.

senkrecht kommet vom senk=bley, auch loth genennet. dieses ist verwandt dem englischen lead, das heiszet bley. da man auch loth saget, gilt loth=recht dem senkrecht gleich.

Das senk heiszet senkel, also schnur, denn das senk=bley ist ein metallen gewicht an einer schnur. derenthalben heiszet die vorrichtung in französischer zunge fil à plomb.Ähnlich ist die maurer=schnur: sie dienet der geraden flucht allgemein, will sagenauch in anderen richtungen als der senkrechten.

waagerecht heiszet nach der wasser=waag, in der eine luft=blase, libelle genennet, die ebene ausrichtung des ganzen geräths anzeiget, so sie in der mitte schwimmt. im englischen heiszet man solches geräth spirit=level, denn level heiszet eben, in der waag. so man also eine person level=headed rufet, so ist sie in der waag, will sagen bey gesundem verstande.

horizontal saget man wegen des horizonts. So bezeichnet man im griechischen den gesichtskreis, da man saget ??????. dies bedeutet in deutscher zung auch den erd=kreis: so weyt unser auge reichet (und darob auch finitor genannt).

vertikal ist latein und heiszet scheitel=recht, mithin nach dem scheitel=punkte (vertex) ausgerichtet.so in etwa als liesze man vom scheitelpunkte, auch zenith geheiszen, ein loth herab.